| Auszüge aus einem Gespräch mit Carmen Brucic |
Die Künstlerin Carmen Brucic hat für das Burgtheater ein Projekt zum Thema Abschied entwickelt, das Kongress und großes Abschiedsfest in einem ist. Im Zentrum stehen über 120 Abschiedsexperten, mit denen die Besucher ins Gespräch kommen können.Du hast für das Burgtheater den Kongress »Symmetrien des Abschieds« konzipiert, der am 27. und 28. März im Burgtheater stattfinden wird. Was erwartet die Besucher? Das ganze Haus steht dem Besucher zur Verfügung, mit allem, was wir aufbieten können an Schönheit, an Energie, an Raum, an Licht, an Ideen, an Musik, an Texten zu den Themen »Abschied« und »Aufbruch«. Wir bauen einen Rahmen, und in dieses Bild tritt der Besucher ein und formt es auch – er soll sein eigenes Bild kreieren, seine eigene Reise antreten, und wir machen ein großes Angebot, mit allem, was uns zu dem Thema zur Verfügung steht. Seien das die Abschiedsexperten, die die Besucher in den Logen des Burgtheaters zu Einzelgesprächen erwarten, oder seien es die Performances, die für den Kongress von anderen Künstlern entwickelt wurden, die Installationen oder die Musikprogramme. Die Besucher wohnen nicht einem klassischen Theaterabend bei, sondern werden selbst zu Agierenden. Sie selbst gestalten sich ihr Programm an dem Abend, entscheiden, woran sie teilnehmen möchten. Genau. Der Besucher macht sich auf die Suche, auf eine Entdeckungsreise durch das Haus. Natürlich gibt es viele Hilfestellungen, bei uns wird der Besucher wie auf Händen getragen. Lacht. Es gibt ein Host- und Hostessen-Team, das für den Besucher da ist, das ihn anleitet, ihm Dinge erklärt, wenn er das möchte. Der Besucher bekommt am Eingang die komplette Information über das Programm in Form einer Kongressmappe, in der steht, wo was verortet ist. Dann wird er in diesen Raum entlassen und begibt sich auf die Reise. Das Herzstück des Kongresses sind die Gespräche mit den Abschiedsexperten? Ja, die Gespräche sind das Herzstück. Es geht um zwischenmenschliche Aufmerksamkeit, die so selten geworden ist. Es ist ein sehr wertvoller Moment, wenn einem wirklich jemand zuhört, jemand einem seine ganze Aufmerksamkeit schenkt. Es ist ein Geschenk. Wir haben weit über hundert Abschiedsexperten eingeladen, und zwar aus ganz unterschiedlichen Bereichen: Wissenschaftler, Künstler, Schriftsteller, Prominente, Kulturschaffende, Sportler, Underdogs und Individualisten. Sie teilen in den Logen des Burgtheaters ihren persönlichen Wissens- und Erfahrungsschatz mit den Besuchern. Der Besucher kann sich einen Abschiedsexperten aussuchen, mit dem er sprechen möchte – die Gespräche sind auf fünfundzwanzig Minuten begrenzt –, und sich für ein Gespräch an einem der Check-In Terminals anmelden. Die vier großen Abschiedskategorien sind – Abschiede auf Zeit, Lebewohls, Auf der Suche nach dem Neubeginn und Aufbruch. Nach welchen Vorgaben hast du zusammen mit deinem Team die Experten ausgewählt? Im Zentrum steht das Thema Abschied. Wir leben ja in einer Gesellschaft, die immer nur das Positive sehen möchte, das Junge, das Agile. Alles andere wird verdrängt. Das Sterben beispielsweise wird verdrängt, das ist ein Moment, mit dem man lieber nichts zu tun haben möchte. Dass wir sterblich sind, sollte eigentlich dazu führen, dass wir ein anderes Bewusstsein, eine andere Sensibilität gegenüber dem Leben entwickeln. Wie oft kommt es vor, dass man am Bahnhof oder Flughafen den Satz hört: »Ich kann mich so schlecht verabschieden – Tschüss!« Und dann ist der andere auch schon weg. Und man denkt: Es könnte doch aber sein, dass wir uns zum letzten Mal sehen! Und was für ein schöner, inniger Moment könnte Abschied doch auch sein. Mit dem Kongress möchte ich das Thema Abschiednehmen und auch den damit verbundenen Aufbruch aufwerten. Die Abschiedsexperten sind Menschen, die sich intensiv mit dem Thema Abschied beschäftigt haben, jeder auf seine ganz individuelle Art und Weise. Mit jedem der Experten haben wir ein Thema gefunden, das wie eine Überschrift über den Gesprächen steht. Die kuratorische Arbeit hat vor über einem Jahr begonnen. Aber natürlich – und das ist auch wichtig zu sagen – hat jeder Mensch in seinem Leben Erfahrungen mit Abschieden gemacht. Jeder Mensch ist Zeitzeuge seines eigenen Lebens und daher auch ein möglicher Abschiedsexperte. Es geht bei den Gesprächen nicht darum, dass die Experten einen Vortrag halten oder dozieren – es geht um einen gleichberechtigten Dialog, der bestenfalls für beide eine Bereicherung ist. Die Gespräche werden nicht aufgezeichnet, nicht abgehört. Es geht um den Moment zwischen diesen beiden Menschen, um das Bewusstsein des Augenblicks. Kannst du einige Beispiele für Abschiedsexperten und ihre Themen für den Kongress nennen? Der Jazzmusiker Wolfgang Muthspiel wird die Erzählungen aus dem Leben seiner Besucher mit der Gitarre in Klang übersetzen. Dr. Conrad, Arzt für klinische Hypnose, wird mit dem Besucher auf eine hypnotische Abschiedsreise gehen. Wolfgang Kimmel, Priesterseminarist, ist mit dem Thema »Abschied von Gott« eingeladen. Das Physikgenie Cornelia Faustmann, die mit 18 Jahren Einstein entschlüsselt hat, wird über schwarze Löcher sprechen. DDr. Schuller-Götzburg, Zahnmediziner, identifizierte Tsunami-Opfer und wird als Abschiedsexperte da sein. Sophie Wolf, 14 Jahre alt, schon 7x umgezogen, hat für ihre Gespräche die Überschrift »Zuhause ist, wo meine Schuhe stehen« gewählt. Josef Fuchs, der Betreuer des Friedhofs der Namenlosen, ist eingeladen ... Das sind nur einige Beispiele. Neben den Gesprächen gibt es, wie eingangs schon geschildert, ein vielfältiges Programm im ganzen Haus. Die »Symmetrien des Abschieds« sind einerseits ein Kongress, andererseits ist es aber auch ein großes Abschiedsfest. Es gibt Lesungen, Installationen, es gibt ein »Momenttheater«, wo der Besucher mit Schauspielern des Burgtheaters berühmte Abschiedsszenen spielen kann. Es gibt eine Tango-Lounge, in der der Kongress tanzt. Es gibt einen Abschiedsbrief-Schreiber, der dem Besucher seinen persönlichen Abschiedsbrief aufsetzt. Und es gibt ein vielfältiges Musikprogramm. Neben deiner Arbeit für das Theater beschäftigst du dich mit der Fotografie. Im Vorfeld zum Kongress ist eine Reihe von Bildern entstanden, die unter dem Titel »Symmetrien des Abschieds« ausgestellt wurden. Sind diese Bilder als Recherche zum Thema Abschied zu verstehen? Das war meine persönliche Auseinandersetzung mit dem Thema Abschied und natürlich auch eine Art Recherche. Wie kann ich mit einer schmerzhaften Erinnerung nach einem Abschied umgehen? Ich kann das Inhaltliche auch nur weitergeben, indem ich einen Prozess durchlaufen habe. Die Erfahrungen und Entdeckungen, die ich mit dieser Arbeit gemacht habe, sind jetzt meine Basis. Ich muss dazu sagen: Ich bin keine Fotografin. Mein Blick ist eher der einer Regisseurin. Bei der Arbeit an der Ausstellung »Symmetrien des Abschieds« hatte ich das Gefühl, zum ersten Mal die fotografischen Mittel mit der der Inszenierung zusammen zu bringen, mit dem, was ich in den Jahren vorher in der Theaterarbeit gelernt habe. Während der Arbeit an »Symmetrien des Abschieds« bist du für längere Zeit nach Mexiko gereist. Haben die Eindrücke dieser Reise dich bei der Arbeit beeinflusst? Die Beschäftigung mit dem Thema Abschied hat mich nach Mexiko gebracht. Über das Projekt, über die Ausstellungen meiner fotografischen Arbeiten, wurde ich nach Mexiko eingeladen. Mir hat diese Reise eine Welt eröffnet, die anders mit Abschied und Tod umgeht. Ich habe dort schon meine Zeit gebraucht, um Eintritt in diese Welt zu finden. Wenn man nicht schafft, seine antrainierte Erwartungshaltung aufzugeben, dann findet man dort keinen Zugang. Gerade auch zu den Dingen, die mich interessiert haben: Diesen anderen und sehr poetischen Umgang mit Leben und Sterben. Mit dieser Spielzeit endet die Direktion von Klaus Bachler. Es ist ein Abschiedskongress in einer Spielzeit, die unter dem Vorzeichen des Abschiednehmens steht. Wie wichtig ist das Burgtheater als Schauplatz für den Kongress? Der Ort ist entscheidend. Das Burgtheater ist in dieser »Abschiedssaison«, genauso wie Wien als Stadt, ein Ort, der zu dem Thema »Abschied« passt. Diese Stadt, die einmal Hauptstadt eines Imperiums war, die so viele Wandlungen und auch Abschiede und Aufbrüche durchlebt hat. Der Raum ist ausschlaggebend. Der Besucher soll das Gefühl haben, er übertritt eine Schwelle, wo es eine andere Haltung zu dem Thema Abschied gibt, wo erlaubt ist, was sonst verdrängt wird. Das Gespräch führte Sibylle Dudek. Carmen Brucic, 1972 in Tirol geboren, absolvierte die Universität für Angewandte Kunst sowie die Akademie für Bildende Kunst in Wien. Unter dem Label »Lovepangs« ruft sie 2001 die liebeskranke Gesellschaft aus und veranstaltet in der Berliner Volksbühne einen Kongress, bei dem Besucher und »Schmerz-Experten« im Gespräch aufeinander treffen. Weitere Stationen von »Lovepangs« sind Frankfurt, Gent und Ljubljana. Außerdem beschäftigt sich Carmen Brucic intensiv mit dem Medium Fotografie. 2007 findet unter dem Titel »Symmetrien des Abschieds« ihre - erste - Soloausstellung in Wien statt. |
Die Künstlerin Carmen Brucic hat für das Burgtheater ein Projekt zum Thema Abschied entwickelt, das Kongress und großes Abschiedsfest in einem ist. Im Zentrum stehen über 120 Abschiedsexperten, mit denen die Besucher ins Gespräch kommen können.