Pressestimmen: Kurier und Der Standard

Rocksongs, Shakespeare und viel zu wenig Zeit


Burgtheater - Um 20 Uhr, eine Stunde nach Einlass, verkündete die Kassa das Aus. Alle Zählkarten weg, ein neuerlicher Versuch gegen 22 Uhr wurde Wartenden empfohlen - war aber wahrscheinlich genauso sinnlos. Denn die Besucher stürmten das „Symmetrien des Abschieds" genannte Zwei-Tages-Fest im Burgtheater, das Konzeptorin Carmen Brucic mit Unterstützung der Künstler des Hauses dem scheidenden Burg-Chef Klaus Bachler bereitete.

Herzstück der Veranstaltung: 120 „Abschiedsexperten" (einer davon Bachler selbst) in den Logen, bei denen man Gespräche zum Thema buchen konnte. Rundherum wurde mehr geboten, als sich in zwei Mal vier Stunden anschauen ließ. Die ganze Sache - eine einzige lustvolle Qual der Wahl.

Den Einheizer am Anfang machte der fabelhafte Johannes Krisch mit Band und seinem Programm „Mirror", Songs von Lou Reed und Velvet Underground. Der Mann kann rocken, dass die Wände wackeln. Fortsetzung dringend erwünscht!

Doch weil man dann einen Abstecher in die Brucic-Installation „Anleitung zur Erschießung eines Kaisers" (Maximilian von Mexiko nämlich) gewagt hatte, hätte man bei Maresa Hörbiger fast keinen Platz mehr bekommen. Die las am dritten Rang bezaubernd bitterböse Bernhards „Maiandacht" und „A Doda".

Und ließ sich nicht von Applaus und Gelächter, das vom anderen Ende der Galerie herüberdrang irritieren. Dort war der Publikumsmagnet, das Momenttheater, wo Besucher mit Burgschauspielern große Abschiedsszenen nachspielen konnten. Gerade drangsalierte eine junge Frau „Romeo" Sven Dolinski und „Mercutio" Robert Reinagl mit dem Pappendeckeldegen. Regie: Christiane von Poelnitz.

Doch nun? Maria Happels Chansons oder Louise MacDonalds Tanzperformance? Philipp Hochmair als „Werther" oder zum Abschiedsbriefschreiber? Oder in die Tango-Lounge?

Lieber Klaus Bachler, Sie haben in Ihrer Loge einiges versäumt. Wir auch. Noch einmal! (KURIER)



Das Theater-Fluidum flutscht


Erlebnislandschaft Burgtheater: "Symmetrien des Abschieds" von Carmen Brucic

Wien - Die von der Bühne ausgehende "Bevormundung" des Publikums gehört zu den "langweiligsten Praktiken" des Theaters, hat schon Peter Brook festgestellt. Nun muss eine Aufführung per se noch keine Bevormundung sein, doch hält sich, wer die Theaterabmachung respektiert, mit individuellen Anfragen zurück. Das musste man am Freitag- und Samstagabend am Burgtheater nicht: Die Symmetrien des Abschieds von Carmen Brucic machten das Publikum zu Mitakteuren, die sich nach eigenen Interessen und Bedürfnissen durch das zum Erlebnisparcours umgewandelte Haus bewegten.

Dabei kollidierte das demokratische Prinzip manchmal mit dem Zeitplan oder schlicht den Kapazitäten: Beim Abschiedsbriefschreiber Phillipp Mosetter, der je nach persönlichem Anliegen (Abschiedsbriefe für Familienmitglieder, Arbeitgeber oder Gegenstände) seinen Stift zückte, reichte die Warteschlange bis ins nächstfolgende Zimmer. Und die Performance Koste die Kirschen von Miet Warlop auf der Hauptbühne war um 20 Uhr bereits bis 23.30 Uhr ausgebucht. Dort, wo man mitmachen hätte können, in der Tango-Lounge, war der Mut nicht allzu groß. Und der Last Dance von und mit Fritz Ostermayer in der Achter-Loge im Parterre war, als man hinkam, schon ausgetanzt.

Bye-bye, Blumentopf

Immer willkommen war man bei der Installation "Anleitung zur Erschießung eines Kaisers" (Maximilian von Mexiko) im Erzherzogzimmer, wenn nicht gerade begeisterte südamerikanische Touristen ihre Shootings inmitten der dort in einer Sitzungsrunde arrangierten Skelettpuppen abhielten (Bühne: Maren Greinke): Die präzise formulierten, zeremonienhaften Vorbereitungen zur Kaiserexekution behandelten den Abschied als minutiös dokumentierten öffentlich-amtlichen Akt, dem man mit der Stimme von Burgschauspielerin Sachiko Hara sehr gerne folgte.

Wie man eine Rosa Schneebeere fachkundig umtopft, das demonstrierte Claus Ruhnau in der festlich bepflanzten Festloge III - mit Goethe-Intro (Choreografie: Doris Uhlich). An eine Autobahn verpflanzt fühlte man sich dann beim Konzert von "Mirror" mit Johannes Krisch.

Hosts und Hostessen in Signalfarben halfen dem Publikum bei der Orientierung im weiten Feld der Spielräume, zu denen alle in der Burg existierenden Garderoben und Oktogone gehörten, Foyers und beide Feststiegen, sodass das Haus selbst, mittels Licht, zu einer auch nach außen hin pulsierenden Skulptur wurde. Kein schlechtes Zeichen.

Dieser auf zwei Abende aufgeteilte "Kongress", was nichts anderes als "Zusammenkunft" (lateinisch "congressus") meint, setzte in seinem Grundgedanken Flüchtigkeit und Verschwendung als theatergenuine Momente ineinander. Sein Wert bemisst sich an der gewonnenen Erfahrung des Einzelnen. Und dazu zählten im Besonderen die individuellen Gespräche mit den sogenannten Abschiedsexperten in den Logen.

In diesen "Symmetrien des Abschieds" steckt viel. Sie haben das Gebäude kurzfristig reloadet, Räume umdefiniert, auch Geräusche neu bewertet: das große Murmeln im Saal nicht als Pausenfüller, sondern als Hauptact. Dieser Ausnahmezustand wirkte wie ein Tag der offenen Tür, und der ließ das Theaterfluidum umso besser flutschen. (DER STANDARD 30.03.2009)
 
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