Wendung zum Niedergang von Clarissa Stadler
Katastrophen sind erzwungene Abschiede. Das macht die Sache nicht einfacher. Denn, mal ganz ehrlich, ein Abschied ist ja an sich schon unangenehm genug. Die so genannten heiteren Abschiede gibt es nicht. Wer sich trennt, von einem Menschen, von einem Ort oder von einer Angewohnheit, um »ganz neu anzufangen«, »endlich frei zu sein«, von was auch immer, muss etwas zurück lassen, von sich abtrennen.

Nach einer Katastrophe ist nichts mehr, wie es gewesen, sind wir nicht mehr die selben, die wir waren. Die Katastrophe ist das Schicksalstool, das einem die letzte Illusion von Autonomie raubt. Plötzlich hat der Mensch als Akteur auf der Szene nichts mehr zu suchen. Er wird zum Zuschauer und macht Bekanntschaft mit einem in der Moderne recht unbeliebten Gefühl: der Ohnmacht. Dabei hatten wir uns doch so sehr daran gewöhnt, schalten, walten und gestalten zu dürfen, Herrscher über Leben und Tod zu spielen.  Ein Vermögen machen, ein Kind machen, ein Kind wegmachen, das Alter hinauszögern, den Tod wegschieben, den Krebs in seine Schranken weisen, den Hunger bekämpfen, Stammzellen züchten, Kerne spalten, alles so kreativ, weil von uns geschaffen.
Männer segelten seekrank und mit Durchfall um die Welt, um mit der Botanisiertrommel die Naturwissenschaft zu revolutionieren (im harmlosesten Fall) und dort, wo sich’s lohnte, Länder zu kolonialisieren. Henry Ford perfektionierte die Fließbandarbeit, sodass heute vor jedem dritten Reihenhaus ein  SUV parken kann, Millionen Meter Glasfaserkabel schlängeln sich unter den Weltmeeren, nur damit wir schnell zwischendurch checken können, ob neue Facebook-Freunde unseren Ego-Kapitalismus bedienen.

Zurück auf Start

Und dann diese ärgerlichen Rückschläge. Idiotische Fehler an irgendeiner Schaltstelle eines Atomreaktors, Gletscher, die wie Himbeereis zerschmelzen, Flutwellen, die keiner bestellt hat. Börsen, die sich nicht an die dafür eigens erfundenen Wirtschaftstheorien halten, Kursfehler auch an den Banken: Bonuszahlungen, wo Malus angebracht wäre. Der Flaschengeist namens Derivat, wo doch Oma schon sagte, dass man nicht mehr ausgeben soll, als man einnimmt.  Die ganze wunderbare Welt des Wohlstands eingestürzt binnen Wochen. Ja verdammt, wer hat denn diese Welt programmiert?  
Katastrophen sind Kipp-Punkte, an denen die Gesetze von Moral, Logik und Religion außer Kraft treten (auch wenn manche das anders sehen). Es geht nicht um die Schuldfrage oder das Verursacherprinzip. Die Lawine, die ein Snowboard-Fahrer losgetreten hat, weil er trotz Warnung in einen Lawinenhang gefahren ist, und die Dutzende unter sich begräbt, kann nicht gegengerechnet werden mit einstürzenden Schächten, die Bergarbeiter unter sich begraben, mit Dürren, die ausbrechen und Millionen Menschen verhungern lassen, oder Terroranschlägen, bei denen entmenschte Fanatiker Tausende Unschuldiger in den Tod reißen.
Es geht nicht einmal um Verhältnismäßigkeit: Die Katastrophe ist nur von Versicherungsgesellschaften definierbar, die an der Bezifferung des Schadens interessiert sind. Für den Einzelnen ist die Katastrophe immer unverhältnismäßig.

Rita, Wilma und Katrina

Neu ist, dass wir glauben, mit großen Unglücksereignissen vertraut zu sein, und das Gefühl haben, in einer Zeit der Katastrophen zu leben. Wir stellen uns vor, dass früher einmal alles ruhiger und beschaulicher war, heute hingegen kein Tag vergeht, an dem nicht die Erde bebt,  Granaten explodieren oder Wirbelstürme und Feuersbrünste über das Land fegen. Wir haben auch den Eindruck, Opfern nahe zu sein, das Elend vor Augen zu haben und eine Expertenschaft für solche Abläufe entwickelt zu haben. Begriffe wie »Black Box«, »humanitäre -Katastrophe« oder »Sprengstoffattentäter« sind keine Fremdwörter. Tatsächlich gibt es aber in meiner Umgebung niemanden, der jemals eine Black Box gesehen oder in Händen gehalten hätte, eine humanitäre Katastrophe miterlebt oder einem Sprengstoffattentäter begegnet wäre. Das Vokabular des Schreckens hat sich wie selbstverständlich in der Sprache eingenistet und ist angesichts seines inflationären Gebrauchs in den Medien schon dramatisch abgestumpft. Es genügt nicht mehr, dass es einfach stark schneit, solange man nicht ein »Schneechaos« daraus machen kann. Eine leidenschaftliche Diskussion ist nicht interessant, solange sie nicht zur »Schlacht um ...« hochlizitiert wird. Und eine»Grippe-Epidemie« rufen Zeitungen meist schon aus, bevor die dafür definierte Zahl an Menschen erreicht ist.
Gleichzeitig, zwischen all die aufgeblasenen Schreckensmeldungen, schieben sich Bilder echten Elends in unsere Wahrnehmung. Kurz sieht man eine Frau weinen, deren Haus von Wirbelsturm Rita, Wilma oder Katrina weggetragen wurde, ein Schnitt, dann trauert eine Mutter im Gazastreifen um ihren Sohn, dann kurz Werbung.

Betäubtes Niemandsland

Wie fühlt es sich an, wenn man Opfer eines Unglücks wird? Was lässt sich über das Grauen sagen, das einen befällt, wenn plötzlich ein Mensch stirbt, getötet wird oder unheilbar krank ist? Was passiert, wenn rundherum alles wegbricht, was einmal zum normalen Leben gehört hat? Was kann man schon denken, geschweige denn formulieren, in dem Moment, da der Arzt hinter seinem Schreibtisch mit ernster Miene den Befund mitteilt, der wahrscheinlich zum Tode führen wird, wie sollen denn Worte beschaffen sein, die die Zehntelsekunde beschreiben, in der das Auto auf der Gegenfahrbahn ausschert und auf einen zurast, oder in der das Kind vor dem Fahrzeug auftaucht und der Bremsweg nicht ausreichen wird, um den Unfall zu vermeiden. Was lässt sich noch sagen, wenn die Bombe explodiert, die Körper zerfetzen wird, die eben noch lebendig waren? Wo bleibt denn die Sprache, wenn das Herz zum betäubten Niemandsland wird, im Anblick des eigenen oder fremden Schmerzes?
Ich war an mehreren Katastrophenorten, fremden oder eigenen. Ich habe zehn Tage am Rande der Binge in Lassing verbracht, in denen das Mediengeschäft mit dem Unglück seltsame Blüten trieb. Der Tross in- und ausländischer Fernsehübertragungswagen erinnerte an einen Campingplatz, wenn nicht Jahrmarkt. In tausenden Berichten, Live-Einstiegen und Interviews umkreisten die Journalisten die Angst, die übertag umging, versuchten sich vorzustellen, was sich »unten« in der Grube abspielen mochte. Und?
Ich stand vor Kränzen, ging durch die Turnhalle in Beslan, in der nach der Geiselnahme durch tschetschenische Extremisten mehr als 300  Schulkinder, Eltern und Angehörige in die Luft gesprengt wurden. Zwei Jahre nach dem blutigen Ende des Terrorangriffs waren die Wunden zu sehen und zu spüren. Auf dem eigens für die Toten angelegten Friedhof konnte ich die Mütter (seltsamerweise kaum Väter) vor den Gräbern weinen und wehklagen sehen, in die Marmorsteine sind Fotos der Kinder eingraviert, im Fußballdress, lachend, beim Spielen. Ein gespenstischer Ort des Schmerzes, des Abschiedes. In Beslan gibt es keine Familie, die nicht Tote zu beklagen hat. Ein Mädchen namens Amina, auf einem Auge blind, die Schwester tot, schenkte mir ein Stofftier. Sie möchte später Journalistin werden. Das alles kann ich Ihnen erzählen, aber ich glaube nicht, dass es Worte gibt, die dem Leid gerecht werden.

Ausnahmezustand

Ich bin durch den Zürcher Vorort Kloten spaziert, jenem Ort, an dem Witali Kalojev jenen Fluglotsen erstach, den er für den Schuldigen am Tod seiner Frau Svetlana und seiner Kinder Konstantin und Diana hielt. Peter Nielsen hatte Dienst an dem Tag, da durch eine statistisch kaum nachzuvollziehende Verkettung von Schlamperei und Unglück zwei Maschinen in der Luft kollidierten. Bei der Katastrophe in Überlingen starben alle Insassen des russischen Flugzeugs, die meisten davon Kinder, sowie alle Piloten.  Der Abschied von den Toten wurde für die Eltern zusätzlich erschwert, über Jahre zog sich das Verfahren zu Unfallursache und Entschädigung, das Schweizer Flugsicherungsunternehmen fand nie die richtigen Worte oder Gesten, wälzte die Verantwortung ab. Den Mord des Russen am Fluglotsen bezeichnete man als »die zweite Katas-trophe«. Im Prozess sagte Kalojew aus, er könne sich nicht an die Tat erinnern.
Klinkt sich das Bewusstsein aus, in Momenten, für die man auch später keine Worte findet? Und ist das auch der Grund für den Ausnahmezustand, in dem man sich befindet, wenn man eigentlich Abschied nehmen soll? Ich kann mich an den Moment des Sterbens nicht erinnern, obwohl ich daneben saß, als mein Mann ging. Und ich tat nachher Dinge, die mir aus heutiger Sicht verrückt vorkommen. Ich habe auch andere Menschen beim »Verrücktwerden« in dieser Situation beobachtet.
Der Abschied nach der Katastrophe ist kein freiwilliger Akt. Er macht willenlos und bewusstlos. Eigentlich entsteht er erst im Rückblick, als Puzzle tausender Teile, die zusammen genommen auch keinen Sinn ergeben.

Neustart

Und nach der Katastrophe? Wenn die alte Ordnung gestorben ist? Was kommt dann?  »Wir sind nach der Katastrophe kleiner geworden. Wir haben gemerkt, dass wir nie Herr über die Natur sein werden«, sagte ein Arzt in Galtür fünf Jahre nach dem gewaltigen Lawinenunglück.
Nur Optimisten sehen hinter allem eine Chance, malen sich Aufbruch und Neubeginn als blumiges Bild aus. Als könnte man – mit dem nötigen Respektabstand natürlich – einfach auf »Reset« drücken,  die alte Festplatte löschen und ein neues Programm aufziehen. Ja, das Leben geht weiter. Sachschäden werden, so gut es geht, behoben (nachdem Opfer oft jahrelang demütigende Prozesse gegen Versicherungsgesellschaften führen müssen). Die Friedhofsbesuche werden seltener, die Jahrestage blasser, neue ahnungslose Erdenbürger erblicken das Licht der Welt. Alles gut? Ja, beinahe.

Clarissa Stadler, 1966 in Wien geboren, ist Journalistin und Autorin. Derzeit moderiert sie den ORF-»kulturmontag«. 2005 erschien »N. Eine kleine Utopie« im Literaturverlag Droschl. Am 27. und 28. März wird Clarissa Stadler beim Projekt »Symmetrien des Abschieds« im -Burgtheater als »Abschiedexpertin« teilnehmen (Fachgebiet »Katastrophen«).
 
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