| »Die Zeit ist hin« Notizen zum Liebesabschied von Franz Schuh |
Die Zeit ist hin; du löst dich unbewußtUnd leise mehr und mehr von meiner Brust; Ich suche dich mit sanftem Druck zu fassen, Doch fühl' ich wohl, ich muß dich gehen lassen. So laß mich denn, bevor du weit von mir Ins Leben gehst, noch einmal danken dir; Und magst du nie, was rettungslos vergangen, In schlummerlosen Nächten heimverlangen. Hier steh' ich nun und schaue bang zurück; Vorüber rinnt auch dieser Augenblick, Und wieviel Stunden dir und mir gegeben, Wir werden keine mehr zusammenleben. Eine der Folgen der Kriminalfilmserie »Bella Block«, ausgerechnet einen Zweiteiler, der schon allein der Verdoppelung wegen ehrgeizig erschien, mochte ich, ein Fan der ersten Stunde, gar nicht: Bella Block erleidet im Zuge der Ereignisse ein Messerattentat und verliert in der Folge ihre Stimme. Dass die beste Sprecherin deutscher Sprache, Hannelore Hoger, eine Zeit lang ohne Stimme spielen muss, ist vielleicht ein Inbild für den Zustand des öffentlich rechtlichen Fernsehens. Aber diese Überdramatisierungen von Kriminalhandlungen sind eine deutsche Unsitte, die an vielerlei Tatorten um sich greift. Dabei missversteht man die Regeln der Gattung und ersetzt sie durch Seelendramen, in denen ein Pathos verletzter Innerlichkeit die Handlung kontrolliert. Dagegen ist das Schöne an der Gattung die ausgefeilte Unterstellung, dass sich das »wirkliche« Leben, wie immer auch von Psychischem angetrieben, wenn überhaupt irgendwo, dann in der Außenwelt abspielt. Dennoch war die Doppelfolge »Am Ende des Schweigens« für mich von großer Wichtigkeit. All die Jahre hatten Bella Block und ihr Lebensgefährte Simon Abendroth, also Hannelore Hoger und Rudolf Kowalski, in einer Kunst ohne gleichen ihre komplizierte, zarte und doch zugleich feste Beziehung vor Augen geführt. Würde man eine Montage dieser Kunst zeigen, Ausschnitte aus den Jahren der Gemeinsamkeit, es wäre lehrreich für Psychologen und Liebende. Lehrreich ist auch das Ende ihrer Beziehung. Es geht mit den beiden nicht mehr. Der Film zeigt auffällig ein schwarzes Buch mit dem Namen »Theodor Storm« darauf, und man hört auch entsprechende Verse, das Ende eines Gedichts: »Und wieviel Stunden dir und mir gegeben, / Wir werden keine mehr zusammenleben.« »Die Zeit ist hin« heißt das Gedicht von Storm. Ich bin dankbar, davon erfahren zu haben – es ist in meinen Augen ein vollkommenes Gedicht. Karl Kraus hat über den Reim gesagt: »Er ist das Ufer, wo sie landen, / sind zwei Gedanken einverstanden.« Was dies heißen soll, kann man eben an Storms Abschiedsgedicht begreifen, in dem Trauer über den Abschied und die Einsicht in die Unerbittlichkeit, dass er sein muss, also Emotion und Intelligenz einander treffen. Es gibt die verlorene Zeit, und es gibt den verlorenen Menschen. Zwischen Bella Block und Simon Abendroth tritt ein Schweigen. Es wird immer lauter. Das Schweigen ist selbstverständlich etwas anderes als ein übliches Missverständnis. Das Problem beim Schweigen ist ja, dass man es allzu gut versteht; es ist alles gesagt, man hat einander nichts mehr zu sagen, auch wenn man noch versucht, das »richtige Wort« zu finden. Dieses Schweigen zwischen Mann und Frau. In Prosa steht meine Stelle dafür in Konrad Bayers »der sechste sinn«: »unten im gras sitzen mirjam und oppenheimer in ihren körpern, mit rosa haut überzogen und mirjam sendet starke schallwellen in den äther, die in ihrer muttersprache mitzuteilen versuchen, dass oppenheimer sie vernichtet habe, die haltung von oppenheimers körper deutet auf banalitäten wie ›die zügel entglitten‹, nicht ›herr der lage‹ und so weiter.« Es ist der Versuch, das Schweigen durch die Schuldfrage zu lösen. So wie die Antwort ausfällt, gibt es nicht einmal eine Scheinlösung. Floskeln der Hilflosigkeit, die entschuldigen, die aber zugleich besagen, dass einem die Schuld gleichgültig ist. Oppenheimer konnte nicht anders, weil er nicht anders wollte, aber er sagt noch was, um sich »das Schweigen« zu ersparen. Mirjam hingegen redet, aber es ist im wesentlichen ein rein physikalischer Vorgang, es sind Schallwellen, immerhin starke, die allerdings nur den »Äther« zum Adressaten haben. Aber ist »der Äther« nicht größer als jeder Mensch? Routinemäßig übersetzen sich die Schallwellen in die Muttersprache, in was denn sonst. Es fällt das Wort »vernichtet« – es bedeutet dem, der nichts wieder gut machen möchte, einen von weit herkommenden, weit an ihm vorbeigehenden moralischen Vorwurf. Dass seine Moral schlecht ist, weiß ein Oppenheimer. Es kostet ihn nichts, wenn man ihn damit konfrontiert. Das Ganze ist sinnlos, aber es hört nicht auf. Diese Unaufhörlichkeit habe ich in einem Film von Erwin Wurm gesehen: eine Frau, die in einer Endlosschleife den verlorenen Menschen beschimpft, schon allein deshalb, weil er nicht mehr da ist. Es dauert, bis man erkennt, dass das »richtige Wort« nur eines des Abschieds sein kann. Es muss aber ein letztes Wort sein, sonst ratscht man sich tot wie die Person in Wurms erhellendem Film. Die Rolle der Sprache in der Liebe ist oft besprochen worden. Ich gebe zu, dass ich skeptisch bin (oder aversive Gefühle hege) der These gegenüber, dass Liebe ein »Kommunikationscode« sei, ein »Script«, das die Regeln der Eindrücke und des Ausdrucks reguliert. Das ist schon wahr, aber solche Thesen machen eine Frage von Leib und Leben der Wissenschaft mundgerecht. Sie übertragen eine riskante Sphäre in eine relativ risikolose, in der der Philosoph oder der Soziologe endlich schalten und walten kann. Soll er! Aber mich fesselt die Tatsache, dass Liebende auch mit Worten ineinander verankert sind. Wenn man sie streiten hört, hört man auch: »Du hast gesagt …« und: »Nein, das hab’ ich doch nie gesagt«, und es beginnt eine (un)fröhliche Hermeneutik. Diese Hermeneutik, die Auslegungskunst dessen, was gesagt wurde, kann in den Trennungsphasen oder am Anfang einer Liebe schneidend sein: »Was, verdammt noch einmal, meint sie, wenn sie sagt …« Die beiden Pathologien, die aus diesem Umstand resultieren, sind einerseits der nie versiegende Wortstrom, der den Geliebten / die Geliebte umspült, aber doch niemals mitreißt. Und die andere Pathologie, die aus der Sprachgebundenheit sogar der sexuellen Aktivitäten herrührt, ist der wortlose Abschied. Ich habe einmal einer Geliebten, die sich so empfahl, mitgeteilt, eine kleine, wenigstens eine ganz kleine Zeremonie des Abschieds sei doch wünschenswert. Eine solche Zeremonie, sagte ich, während ich um nichts Geringeres als um ein Telefongespräch bat, sei doch kulturelles Menschheitserbe. Darunter mach ich’s halt nicht. Aber das Problem, das sich hinter dem wortlosen Abschied verbirgt, kommt von der Frage, wie geht man denn mit einem Menschen um, den man einmal geliebt hat. Früher einmal. Wie geht man in dem Augenblick mit ihm um, in dem man ihm zeigen muss, ihm sagen muss, dass man ihn nicht mehr liebt? Es ist der »entscheidende Augenblick«, und ich predige darüber keine Moral. Der Witz aber ist, dass die Abfuhr, die man einem einst geliebten Menschen erteilt, zugleich mit Selbstachtung zu tun hat. Ich kenne Menschen, die für den wortlosen Abschied plädieren: Wenn eine Liebe vorbei ist, dann gibt es nichts mehr zu sagen. Und dieses Nichts muss man ernst nehmen. Das scheint mir »menschlicher« als Oppenheimers faule Resignation, die gegen den Totalanspruch des Wortes »vernichtet« nur weiche, ausweichende und zum Schein überbrückende Floskeln kennt. Der wortlose Abschied (jeder andere auch, aber vielleicht weniger) erzeugt bei den Betroffenen einen Rededrang: Ein Freund, der auf einer Universität lehrt, erzählte mir von einem Kollegen. Dieser war einst sogar in einer Illustrierten beim Namen genannt worden, denn eine berühmte Schauspielerin liebte ihn. Aber als es zu Ende war, verließ sie ihn wortlos, und der akademische Lehrer konnte von nun an nicht aufhören, jedem, dessen er habhaft wurde, eindringlich die Frage zu stellen: »Warum sagt sie denn nichts …« Die Qual, die in dieser Frage, nein, nicht steckt, sondern, die aus ihr herausschreit, ist Allgemeingut der Liebe. Worüber Sacher-Masoch Madame in der »Venus im Pelz« referieren lässt (»… je hingebender das Weib sich zeigt, umso schneller wird der Mann nüchtern und herrisch werden; je grausamer und treuloser es aber ist, je mehr es ihn misshandelt, je frevelhafter es mit ihm spielt, je weniger Erbarmen es zeigt, umso mehr wird es die Wollust des Mannes erregen, von ihm geliebt, angebetet zu werden«), das ist kein Credo einer erotisch-sexuellen Spezialität. Es ist schlicht die Regel jeder Leidenschaftsliebe, die sich dadurch aufrecht erhält, dass zwei Menschen einen Kreislauf aus Qual und der Erlösung von ihr etablieren. Die Frage: »Liebst Du mich?« aus dem Geiste der unbegründeten Eifersucht zeigt diese Orientierung deutlich: Man sucht die Qual (und sei es nur spielerisch), um die Intensität zu erreichen, auf die einen die Leidenschaftsliebe drillt. Deshalb, wegen des Anteils an verrückt machender Qual in der Liebe, haben einige Aufklärer empfohlen, der Liebe die Freundschaft vorzuziehen. Liebe macht verrückt, aber in der Freundschaft hat man seine Sinne beisammen. Auch die Ehe als Utopie hat mit der Vorstellung zu tun, man könne den Wahnsinn der Herzensbindungen in die »Keimzelle des Staates«, in eine allseits nützliche Lebensgemeinschaft überführen. In der Ehe wäre die Leidenschaftsliebe aufgehoben, das heißt: bewahrt und zugleich in etwas weniger Schädliches transformiert. Das ist wie Sozialdemokratie im Gefühlshaushalt, also »sublimierter Klassenkampf.« Aber, fragt man mich, dann bietet die Ehe (wie der Staat) nichts als den jeweils eigenen Wahnsinn, allerdings ohne die Chance auf Wollust, die der leidenschaftlich Verliebte sich wenigstens verspricht. Ich glaube, dass man aus dem Plädoyer für den wortlosen Abschied die Differenz von Liebe und Freundschaft herauslesen kann. Einen Freund wortlos zu verlassen ist möglich, aber es hat nicht annähernd die Bedeutung wie der Abschied ohne Worte in der Liebe. Die, die für ihn plädieren, würden keinen Freund wortlos verlassen – warum denn auch? Einen Geliebten schon, weil, wenn dessen Attraktivität, worin immer sie auch bestanden haben mag, zu Ende ist, ist für solche Menschen nichts mehr da. Was gibt’s da noch zu sagen? Sie überstehen – beneidenswert - jede Liebesbeziehung in selbstzufriedenem Schweigen. Franz Schuh war und ist Lehrer an der Wiener Hochschule für Angewandte Kunst, der Universität Klagenfurt und am Mozarteum, war Generalsekretär der Grazer Autorenversammlung und Programmleiter im Buchverlag Deuticke. Der gebürtige Wiener, der Philosophie, Geschichte und Germanistik studierte, ist vielfach ausgezeichnet. Er erhielt unter anderem 1985 den Staatspreis für Kulturpublizistik, 1987 den Preis der Stadt Wien für Publizistik, 2000 den Jean-Amery-Preis und 2006 den Preis der Leipziger Buchmesse und den Medienpreis Davos. Der Schriftsteller, Kritiker und Kulturpublizist Franz Schuh wird als »Abschieds-experte« am 27. und 28. März beim Projekt »Symmetrien des Abschieds« im Burgtheater mitwirken. |
Die Zeit ist hin; du löst dich unbewußt